Kanal in Venedig

© Geschäftsstelle der Exportinitiative Energie

Drei Fragen an Judith Martschin und Andreas Hopf, Regionalmanager Europa

Warum sind europäische Märkte aktuell spannend für deutsche Unternehmen?

Die EU-Mitgliedstaaten verfolgen gemeinsame Ziele u.a. in der Energieversorgungssicherheit, der Entwicklung des Energiebinnenmarkts, der Steigerung der Energieeffizienz und der Dekarbonisierung der Wirtschaft, da sie eine integrierte Energieunion anstreben. Deutschen Unternehmen bietet das in der Erschließung europäischer Märkte vor allem langfristige Planungssicherheit, da die Zielvorgaben der EU über einzelne Legislaturperioden in den Mitgliedsländern hinweg ihre Gültigkeit behalten. So haben sich alle EU-Länder der Klimaneutralität bis 2050 verpflichtet und müssen Maßnahmen umsetzen, um entsprechend den Vorgaben des Klimapakets „Fit for 55“ ihre Nettotreibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Die EU stellt dafür Unterstützung in Milliardenhöhe zur Verfügung, etwa über die Aufbau- und Resilienzfazilität (ARF), den Modernisierungsfonds und die Connecting Europe Fazilität. Unternehmen, die klimafreundliche Energielösungen anbieten, können sich auf dynamisch wachsende Absatzmärkte einstellen und profitieren gleichzeitig vom europäischen Binnenmarkt mit geringen Markteintrittshürden, harmonisierten Regelwerken sowie dem freien Waren- und Dienstleistungsverkehr.

Auch europäische Länder außerhalb der EU treiben die Energiewende voran. Steigende Energiepreise, zunehmender Druck auf die industrielle Wettbewerbsfähigkeit und das Streben nach Energieunabhängigkeit machen die Dekarbonisierung der Energiesysteme zur politischen Priorität und bieten Absatz- und Kooperationschancen für deutsche Anbieter innovativer Zukunftstechnologien.

Warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt für den Markteinstieg?

Seit Amtsantritt der neuen EU-Kommission Ende 2024 werden die Ziele des europäischen Green Deals weiter vorangetrieben. Stark in den Fokus rückt der Zusammenhang zwischen Energiepolitik und Wettbewerbsfähigkeit. Die Europäische Kommission hat Anfang 2025 den Clean Industrial Deal vorgestellt, ein Maßnahmenpaket, das für die Dekarbonisierung energieintensiver Branchen und für die Stärkung der industriellen Wertschöpfung in Europa mehr als 100 Mrd. EUR an Fördermitteln aus EU-Mitteln mobilisieren soll.

Eng verknüpft mit der Dekarbonisierung der Industrie sind die Maßnahmen zum Hochlauf des europäischen Wasserstoffmarkts: Trotz bestehender Herausforderungen hält die EU an ihrem Ziel fest, bis 2030 jeweils 10 Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff zu produzieren und zu importieren. Unterstützt wird der Hochlauf über Auktionen der europäischen Wasserstoffbank, IPCEIs (Important Projects of Common European Interest) und Fördermechanismen im Milliardenumfang.

Für deutsche Anbieter klimafreundlicher Energielösungen ergeben sich aus den Dekarbonisierungszielen Europas Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Nachfrage nach erneuerbarem Strom, Speicherlösungen, Elektrifizierungstechnologien, Wasserstoff- und Power-to-X-Anwendungen sowie nach Energieeffizienz- und Digitalisierungslösungen in der Industrie wird voraussichtlich zunehmen und innovative KMU können sich frühzeitig positionieren.

Die ambitionierten Klimaziele der EU führen dabei vielerorts zu neuen Herausforderungen: Der rasante Zubau von erneuerbaren Energieerzeugungskapazitäten verbunden mit dem steigenden Strombedarf stellt neue Anforderungen an Energiesysteme hinsichtlich Infrastruktur, Netzintegration und Versorgungssicherheit. Der Investitionsbedarf ist riesig – und schafft in vielen Ländern Bedarfe für Lösungen zum Ausbau, der Digitalisierung und Flexibilisierung der vorhandenen Netzinfrastruktur. Für die Umsetzung von Infrastrukturvorhaben werden verlässliche Partner und innovative Technologien dringend benötigt.

Ein weiterer wichtiger Pfeiler sind Anwendungen zur Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden. Der Gebäudesektor hat immer noch einen erheblichen Anteil an den EU-Treibhausgasemissionen und wird verstärkt durch Zielvorgaben in den Fokus genommen: Ab 2030 sollen in der EU nur noch emissionsfreie Gebäude gebaut werden, ab 2050 soll der gesamte Gebäudebestand emissionsfrei sein. Der Einbau klimafreundlicher Technologien zur Dämmung, Strom- und Wärmeversorgung, Lüftung, Kühlung und Gebäudeautomation wird in vielen europäischen Ländern gefördert und bietet damit deutschen KMU die Möglichkeit, ihre Wettbewerbsposition zu stärken und Partnerschaften aufzubauen.

Welche Technologien und Lösungen sind besonders gefragt?

Grundsätzlich bietet die Vielzahl europäischer Märkte Technologieanbietern in allen Anwendungsfeldern und entlang der gesamten Wertschöpfungskette gute Chancen, aktiv zu werden. Welche klimafreundlichen Lösungen für welchen Zielmarkt besonders geeignet sind, hängt jedoch von den jeweiligen Rahmenbedingungen – und insbesondere dem Wettbewerbsumfeld – vor Ort ab: Es gibt Zielmärkte, die eine ähnliche Angebotsstruktur wie Deutschland haben und wo die heimischen Akteure den Markt dominieren. Insbesondere KMU, die hochtechnologische Komponenten und spezialisierte Lösungen anbieten, können sich hier als Zulieferer positionieren. In anderen Märkten ist das Wettbewerbsumfeld von ausländischer Konkurrenz geprägt. Hier geht es darum, die Vorteile des Qualitätssiegels „Made in Germany“ hervorzuheben und deutsche KMU als verlässliche Anbieter effizienter und langlebiger Lösungen zu positionieren.

In Märkten, in denen gerade große Infrastrukturprojekte laufen, die ggf. auch mit Ausschreibungen verbunden sind, haben Unternehmen, die in Konsortien auftreten und gemeinsam eine Systemlösung anbieten, die besten Chancen auf Projektbeteiligung. In einigen Märkten wiederum sind die Rahmenbedingungen z.B. im Biogas- oder Wasserstoffbereich noch im Aufbau. In diesen Fällen geht es darum, mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Referenzprojekte in Deutschland zu erkunden und den Wissenstransfer zu fördern, bevor Partnerschaften angebahnt werden können. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen in den europäischen Märkten und technologischen Anwendungsfeldern greifen wir mit dem Förderangebot der Exportinitiative Energie auch 2026 auf und unterstützen deutsche KMU bei ihrer individuellen Markterschließungsstrategie.

So unterstützt Sie die Exportinitiative Energie beim Markteintritt in Europa

Für das Jahr 2026 sind zahlreiche Energie-Geschäftsreisen in ganz Europa geplant, die zentrale Zukunftsthemen wie industrielle Dekarbonisierung, Wasserstoff, Netze, Speicher und Gebäudeeffizienz adressieren. Die Reisen bieten direkten Zugang zu wichtigen Marktakteuren und erleichtern den Einstieg in strategisch relevante europäische Märkte.