Gruppenfoto der deutschen Delegation in Chile.

Die Delegation deutscher Unternehmen auf der Deutsch-Chilenischen Fachkonferenz.

© AHK Chile

Exzellente Solar- und Windressourcen, eine offene Volkswirtschaft und ein liberalisierter Energiemarkt: Chile hat die nationale Energiewende in den vergangenen Jahren mit bemerkenswerter Dynamik vorangetrieben. Der Anteil erneuerbarer Energien steigt kontinuierlich, Kohlekapazitäten werden zurückgefahren, neue Projekte entstehen in kurzer Zeit. Doch der rasche Ausbau erneuerbarer Energien hat das Übertragungsnetz unter Druck gesetzt: Allein im Jahr 2024 wurden über 5.600 GWh Solar- und Windstrom nicht in das Netz eingespeist – ein Ausdruck dafür, dass Erzeugung und Netzkapazität zunehmend auseinanderlaufen. Speicherlösungen werden damit zu einem zentralen Baustein der Energiewende in Chile.

Das chilenische Energieministerium treibt daher die Flexibilisierung des Energiesystems gezielt voran, sei es zur Reduktion von Abregelungen, zur Stabilisierung des Netzes oder zur Integration erneuerbarer Energien in Industrie und Infrastruktur. Zwischen 2019 und 2025 stieg die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen um 67 Prozent, während die installierte Kohlekraftkapazität um 43 Prozent sank. Entsprechend ambitioniert sind die Ziele: Über 2 GW Speicherkapazität bis 2030 und mehr als 6 GW bis 2050 sollen zur Stabilisierung des Systems und zur Deckung von Lastspitzen beitragen.

Wie konkret dieser Wandel bereits ist, zeigt ein Blick auf den Markt: Anfang 2026 waren Speicher mit 1.799 MW Leistung und 7.154 MWh Kapazität in Betrieb, weitere Projekte befinden sich im Bau. Besonders im sonnenreichen Norden des Landes – wo hohe Solarerträge auf energieintensiven Bergbau treffen – wird Flexibilität zur entscheidenden Ressource.

Wo sich Geschäftschancen ergeben

Für deutsche Unternehmen mit Exportinteresse entstehen daraus klar umrissene Anknüpfungspunkte. Gefragt sind Lösungen, die über reine Erzeugung hinausgehen: Energiemanagementsysteme, Steuerungs- und Optimierungstechnologien, Speicherlösungen, Netzstabilisierung, Digitalisierung von Infrastruktur oder Anwendungen für Industrien wie den Bergbau.

Doch wer in Chile erfolgreich sein will, benötigt mehr als nur ein technologisch überzeugendes Produkt. Persönliche Kontakte, lokale Partner und ein belastbares Verständnis des Marktes sind entscheidend. „Der chilenische Markt ist stark beziehungsgetrieben“, bestätigt die Deutsch-Chilenische Auslandshandelskammer (AHK Chile). Unternehmen mit lokaler Präsenz oder verlässlichen Partnern vor Ort seien deutlich erfolgreicher in der Projektakquise und Umsetzung.

Geschäftsreise als Marktzugang: Viele Gespräche in kurzer Zeit

Vor diesem Hintergrund fand die Energie-Geschäftsreise zum Thema „Dezentrale Energieversorgung und Speicherlösungen“ nach Chile statt. Acht deutsche Unternehmen reisten Ende März nach Santiago de Chile, um sich ein Bild vom Markt zu machen und gezielt Kontakte aufzubauen.

Das Programm war dicht: ein Business-to-Government-Roundtable im Rahmen der Energiepartnerschaft Chile – Deutschland, eine Fachveranstaltung mit über 100 Teilnehmenden sowie individuell organisierte B2B-Gespräche – insgesamt kamen so 91 Gesprächstermine zwischen deutschen und chilenischen Unternehmern zustande.

EIn Saal voller Besucher auf der Deutsch-Chilenischen Fachkonferenz.

Die Deutsch-Chilenische Fachkonferenz in Santiago besuchten mehr als 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

© AHK Chile

„Die durch die AHK organisierten Termine sind ein großer Mehrwert und ermöglichen Kontakte, die sonst schwer zugänglich wären“, sagt Delegationsteilnehmer Christoph Meyer von OSTEC. Frühere Versuche, eigenständig Kontakte aufzubauen, seien oft erfolglos geblieben. „Es macht einen Riesenunterschied wenn eine Institution wie die AHK die Termine für einen anfragt – dann klappt es plötzlich.“ Vor Ort geht OSTEC nicht mit einem klassischen Standardprodukt in den Markt, sondern mit einer Technologie an der Schnittstelle von Bergbau, Kreislaufwirtschaft und Wasserstoffspeicherung. Nach den ersten Gesprächen vor Ort sieht das Unternehmen gerade im Bereich eisenhaltiger Tailings und Langzeitspeicherung konkrete Ansatzpunkte, insbesondere das Pigmentgeschäft in Chile erscheint vielversprechend.

Ein anderer Delegationsteilnehmer ist Tobias Friedrich, COO des EPC- und Betriebsdienstleisters Soventix. Obwohl das Unternehmen seit Jahren in Chile aktiv ist, bot die Geschäftsreise zusätzlichen Mehrwert: „Gerade in Chile zählt der persönliche Austausch: Man muss sich einmal am Tisch gegenübersitzen, um wirklich wahrgenommen zu werden“, sagt er. Selbst in einem bekannten Markt habe die Reise neue Kontakte ermöglicht, mit denen man zuvor noch nicht bekannt war.

Für sein Unternehmen bleibt das Land besonders im Bergbau und im C&I-Segment interessant: Dort steigen die Anforderungen an Dekarbonisierung, während gleichzeitig die Stromkosten wirtschaftliche Argumente für Solar- und Speicherlösungen liefern. „Chile ist ein wichtiger Markt für unsere Expansion in Lateinamerika, insbesondere im Bergbausektor. Unsere weltweite Strategie konzentriert sich stark auf Minen – Lateinamerika ist sehr relevant in diesem Bereich. Daher möchten wir langfristig gerne über den chilenischen Markt auch andere Länder in Lateinamerika erschließen“, erzählt Friedrich.  Die Gespräche der Woche seien dabei weniger als Abschluss, sondern vielmehr als Ausgangspunkt zu verstehen: „Das sind kleine Pflänzchen, die man jetzt weiter pflegen muss, aber ich bin mir sicher, dass aus dem ein oder anderen Gespräch eine Geschäftsbeziehung entstehen kann.“

Zum ersten Mal auf einer Geschäftsreise der Exportinitiative Energie mit dabei war primtech by entegra. Das Unternehmen kommt aus der Digitalisierung von Hochspannungsumspannwerken und blickt damit weniger auf klassische PV-Projekte als auf Netzbetreiber, Engineering und digitale Infrastrukturen. Sabrina Heuser, Leiterin des LATAM-Teams bei primtech, beschreibt Chile als „sehr fortschrittliches Land“ in der Energiewirtschaft, mit hoher Kaufkraft, technischer Offenheit und strategischer Relevanz für das Unternehmen. Gleichzeitig bleibt der Markt herausfordernd: „Chilenische Kunden bevorzugen oft Unternehmen mit lokaler Präsenz und Referenzen vor Ort." Gerade deshalb sei die Qualität der Termine so wichtig gewesen. Die AHK habe nicht nur passende Firmen identifiziert, sondern die „richtigen Ansprechpartner“, die tatsächlich in den Gesprächen mit am Tisch saßen. Für Heuser war das so überzeugend, dass sie nach der Woche bereits von einem lohnenden ersten Förderformat für das Unternehmen sprach und eine wiederholte Teilnahme nicht ausschließen wolle.

Dass sich aus der Woche tatsächlich konkrete Folgeaktivitäten ergeben, zeigen auch die Rückmeldungen weiterer Teilnehmer. Fenecon, ein deutscher Anbieter intelligenter Energiespeicherlösungen berichtete zum Abschluss der Woche von hochrangigen Terminen und mindestens fünf konkreten Follow-ups zu Speicherprojekten. Grammer Solar, ein ganzheitlicher Photovoltaiklösungsanbieter, sprach von fünf potenziellen Kunden, für die sie bereits Angebote für Photovoltaikprojekte erstellt würden.

Gruppenfoto auf dem Business-to-Government-Roundtable der Energiepartnerschaft Deutschland-Chile in den Räumen der AHK Chile.

Gruppenfoto auf dem Business-to-Government-Roundtable der Energiepartnerschaft Deutschland-Chile in den Räumen der AHK Chile.

© AHK Chile

Technologie allein reicht nicht

Marktseitig blieb in den Gesprächen auffällig, wie eng Chile inzwischen Energie-, Speicher- und Netzthemen zusammendenkt. Michael Schmidt von der deutsch-chilenischen Energiepartnerschaft beschreibt die Entwicklung des Sektors als konsequenten Weg der Dekarbonisierung: Weil Chile kaum über fossile Ressourcen verfügt, sei der Ausbau erneuerbarer Energien ökonomisch sinnvoll. Gleichzeitig steige mit der Elektrifizierung von Industrie, Transport und Wärme der Bedarf an Netzausbau und Speichern weiter. Dass in Santiago bereits rund 60 Prozent der Busse elektrisch fahren, ist für ihn kein Randaspekt, sondern Ausdruck derselben Entwicklung: Das Energiesystem wird umfassend elektrifiziert und muss dafür flexibler, digitaler und robuster werden.

Interessant ist auch sein Blick auf die Rolle deutscher Unternehmen. Vor zehn Jahren, sagt Schmidt, sei der Kauf deutscher Technologie in Chile fast schon ein eigenes Qualitätsversprechen gewesen. „Heute stehen weniger klassische Technologien im Vordergrund, sondern vielmehr intelligente Anwendungen, Softwarelösungen und spezialisierte Nischen.“ Chilenische Partner sind dabei vor allem am Know-how interessiert. Nicht allein das Produkt entscheidet, sondern die Fähigkeit, Lösungen in konkrete Anwendungsfälle zu übersetzen.

Genau darin liegt der eigentliche Kern solcher Energie-Geschäftsreisen: Sie ersetzen keine Marktstrategie und kein lokales Geschäft, aber sie verkürzen den Weg von der abstrakten Marktchance zur konkreten Gesprächssituation. Im Fall Chile heißt das: von der Erkenntnis, dass ein Land mit exzellenter Solar- und Windbasis unter Netzengpässen leidet, hin zu Gesprächen mit Netzbetreibern, Industrieakteuren, Projektentwicklern und potenziellen Partnern, die diese Probleme in realen Projekten lösen müssen.

Für Unternehmen, die den chilenischen Markt beobachten, lässt sich aus der Woche erkennen: Chile ist insbesondere interessant für Anbieter, die Flexibilität ins System bringen: mit BESS, Steuerung, Monitoring, Engineering, Netzlösungen, Digitalisierung von Infrastruktur oder spezialisierten Anwendungen in Bergbau und Wasserstoff. Gleichzeitig ist Chile ein Markt, der persönliche Präsenz verlangt. Wer dort erfolgreich sein will, braucht nicht nur eine gute Technologie, sondern auch Geduld, Netzwerk und die Bereitschaft, unter lokalen Bedingungen langfristig Vertrauen aufzubauen.

Die Geschäftsreise nach Chile fand vom 23. bis 27. März 2026 statt und wurde vor Ort von der AHK Chile in Zusammenarbeit mit der Renewables Academy (RENAC) AG im Auftrag der Exportinitiative Energie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie durchgeführt.