Gruppenfoto der deutschen Delegation in Italien

Die deutsche Delegation bei einem Sitevisit in Montello

© AHK Italien / EIE

Vom 4. bis 8. Mai 2026 reisten acht deutsche Unternehmen nach Mailand und Bologna, um den italienischen Markt nicht nur aus Analysen kennenzulernen, sondern vor Ort zu prüfen: Welche Technologien werden gebraucht? Welche Partner kommen infrage? Wo entstehen Projekte? Und welche Voraussetzungen müssen deutsche Anbieter erfüllen, um im italienischen Markt Fuß zu fassen?

Die Antworten darauf lagen nicht allein in Konferenzräumen. Sie entstanden in Gesprächen mit Industrieunternehmen, ESCOs, Systemintegratoren, Verbänden und institutionellen Akteuren und bei Besuchen in Betrieben, in denen Dekarbonisierung bereits Teil des laufenden Geschäfts ist.

Ein Markt unter Transformationsdruck

Italien bietet ein Marktumfeld, in dem viele Unternehmen konkrete Lösungen für bestehende Anlagen suchen. Im Vordergrund steht zunächst Transparenz: Betriebe müssen genauer wissen, wo Energie verbraucht wird, welche Prozesse Einsparpotenzial haben und welche Maßnahmen sich wirtschaftlich rechnen. Deshalb gewinnen digitale Energiemanagement- und Monitoring-Systeme an Bedeutung.

Darauf aufbauend rücken Technologien in den Fokus, die direkt in industrielle Prozesse eingreifen. Dazu gehören effizientere Druckluft- und Kältesysteme ebenso wie Lösungen zur Abwärmenutzung, ORC-Technologien und Wärmepumpen für industrielle Anwendungen. In schwerer zu dekarbonisierenden Bereichen kommen zudem Wasserstoffanwendungen und technische Beratungsleistungen hinzu, etwa für Energieaudits oder Dekarbonisierungsfahrpläne.

Zusätzlichen Schub gibt die Förderlandschaft. Mit Programmen wie Piano Transizione 5.0 verbindet Italien Energieeffizienz und Digitalisierung. Für Anbieter aus Deutschland ist das eine Chance, aber auch eine klare Anforderung: Wer im Markt überzeugen will, muss seine Lösung technisch, wirtschaftlich und förderlogisch anschlussfähig machen.

Der erste Schritt: den Markt verstehen

Die Reise begann in Mailand mit einem Länderbriefing. Neben Marktinformationen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Förderfragen ging es auch um interkulturelle Aspekte. Dieser Auftakt war mehr als eine organisatorische Einführung. Er machte deutlich, dass Marktzugang in Italien nicht allein über Produktdaten, Referenzen oder Preise funktioniert.

Gruppenfoto der deutschen Delegation in Italien nach dem Briefing in Mailand

Get-Together mit Vertretern der Stadt Mailand

© AHK Italien / EIE

Christian Herschel von der CPLUSM Consulting PLUS Management GmbH brachte diese Erfahrung auf den Punkt:

„Wir haben bereits erste Versuche unternommen, Kontakte aufzubauen, und dabei festgestellt, dass es Markteintrittsbarrieren gibt, die über die Sprache hinausgehen – insbesondere mentale Markteintrittsbarrieren.“

Für HCC war die Reise deshalb auch ein Zugang zur Geschäftskultur. Herrschell berichtete von großer Offenheit italienischer Unternehmen gegenüber wirtschaftlichen Beziehungen. Gleichzeitig zeigte sich: Vertrauen entsteht über persönliche Begegnung, über ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen und über die Fähigkeit, sich auf lokale Gesprächs- und Entscheidungswege einzulassen.

Vom Vortrag zum Gespräch

In Mailand präsentierten die deutschen Unternehmen ihre Lösungen einem italienischen Fachpublikum. Die Bandbreite reichte von Mess- und Regeltechnik über chemiefreie Wasserbehandlung und CO₂-Nutzung bis hin zu Abwärmeverstromung, Energieberatung, flexibler Solarenergie und Effizienzlösungen für Gebäude und Industrie.

In Bologna wurde der Austausch vertieft. Dort standen regulatorische Entwicklungen, italienische Dekarbonisierungsstrategien und deutsche Best Practices im Mittelpunkt. Besonders aufmerksam verfolgten die Unternehmen die Einordnung öffentlicher Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten. Denn im italienischen Markt hängen Investitionsentscheidungen stark davon ab, ob sich Projekte rechnen, welche Förderinstrumente greifen und wie schnell eine Umsetzung realistisch ist.

Der wichtigste Teil der Reise waren jedoch die individuellen Gespräche. Hier ging es nicht mehr um allgemeine Marktchancen, sondern um konkrete Fragen: Passt eine Technologie zu einem bestehenden Prozess? Wer wäre der richtige lokale Partner? Welche technischen Daten braucht es für den nächsten Schritt? Welche Finanzierung oder Förderung könnte infrage kommen?

Die Site Visits machten die Marktchancen greifbar. Die Delegation besuchte Montello S.p.A., AB Holding S.p.A., Feralpi Siderurgica S.p.A. und IdrogeMo. Jede Station zeigte eine andere Perspektive auf industrielle Transformation: Recycling und Ressourcenrückgewinnung, Kraft-Wärme-Kopplung, Biogas, Stahlproduktion und Wasserstoffanwendungen.

Der Wert dieser Besuche lag nicht nur in den Anlagen selbst. Entscheidend war der direkte Austausch mit technischen Verantwortlichen und Entscheidungsträgern.

Gruppenfoto der deutschen Delegation in Italien

Sitevisit beim Stahlwerk Feralpi

© AHK Italien / EIE

Gerade diese Mischung aus Praxisnähe und direktem Kontakt hinterließ Eindruck. Dominik Novakovic von Cyclize GmbH sagte:

„Bei den B2B-Meetings und Site Visits hatte ich ursprünglich gar nicht so hohe Erwartungen. Diese wurden allerdings deutlich übertroffen, weil die Partner sehr gut ausgewählt waren und es viele spannende Ansatzpunkte gibt, gemeinsam mit italienischen Partnern Projekte voranzutreiben.“

Die Reise zeigte, dass in Italien nicht nur über Dekarbonisierung gesprochen wird. Viele Unternehmen suchen nach Lösungen, die bestehende Anlagen effizienter machen, Abwärme nutzbar machen, Energieflüsse transparenter darstellen oder Investitionen in neue Prozesse vorbereiten. Aus den Gesprächen entstanden mehrere Folgeansätze: vertiefende technische Abstimmungen, Angebotsanfragen, mögliche Pilotprojekte sowie gemeinsame Förder- und Kooperationsideen.

Warum die Reise mehr war als ein Kontaktformat

Für die teilnehmenden Unternehmen lag der Nutzen der Energie-Geschäftsreise nicht nur in einzelnen Terminen. Entscheidend war die Kombination: Marktanalyse, Briefing, Fachveranstaltungen, Besuche im laufenden Betrieb und individuell vorbereitete Gespräche. So konnten die Unternehmen ihre Chancen nicht nur abstrakt bewerten, sondern direkt im Markt testen.

Das reduziert Risiken. Wer einen neuen Markt erschließen möchte, muss wissen, ob die eigene Lösung tatsächlich auf Bedarf trifft, welche Akteure relevant sind und welche Hürden beim Marktzugang bestehen. Die Reise machte sichtbar, wo Italien konkrete Chancen bietet – und wo Unternehmen Zeit für Beziehungsaufbau, Förderlogik und lokale Partnerschaften einplanen müssen.

Italien bleibt ein anspruchsvoller Markt. Aber genau darin liegt die Chance für Anbieter, die technische Qualität mit Umsetzungskompetenz verbinden. Wo Energieeffizienz, Förderfähigkeit, industrielle Praxis und Vertrauen zusammenkommen, entstehen belastbare Anknüpfungspunkte für deutsch-italienische Kooperationen.