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Die Industrie gilt in Deutschland als zweitgrößter CO2-Emissionen-Verursacher. Dr. Eike Blume-Werry vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) spricht im Interview mit der Exportinitiative Energie über Fortschritte und Zukunftsstrategien für die globale Dekarbonisierung.
"Wenn Deutschland zeigt, dass es möglich ist, als wettbewerbsfähige Industrienation den Pfad zur Klimaneutralität einzuschlagen, werden die Erkenntnisse und Technologien weltweit gefragt sein", sagt Dr. Eike Blume-Werry, Referent im Bereich Energie- und Klimapolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie.
Wie ist der Status Quo der Dekarbonisierung in den verschiedenen Sektoren der deutschen Industrie?
Der Umbau zu einem klimaneutralen Industrieland erfordert eine beispiellose Transformation aller Bereiche - Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Die Herausforderungen und auch der Status Quo der Dekarbonisierung sind dabei je nach Sektor unterschiedlich. Für die Stahlindustrie, die für ein Drittel der Industrie-Emissionen steht, zeichnet sich der Umstieg vom Hochofen auf das so genannte DRI-Verfahren (Direct Reduced Iron) ab, das jedoch sehr große Mengen an grünem Wasserstoff benötigt. Dieser ist noch Mangelware und sehr teuer. Pro Tonne eingesetztem Wasserstoff beim Stahl lassen sich 28 Tonnen CO2 einsparen.
Die Zement- und auch die Kalkindustrie gehören aufgrund von unvermeidbaren prozessbedingten Emissionen zu den am schwierigsten zu dekarbonisierenden Sektoren. Hier ist wichtig, dass die Regierung schnell die Grundpfeiler für die Kohlenstoffnutzung, Abscheidung und Speicherung (engl. Carbon Capture Utilisation (CCU) und Carbon Capture and Storage (CCS)) legt; sie arbeitet dazu bereits an einer Carbon Management Strategie. In anderen Sektoren, wie der Chemie, sind die Herausforderungen vielfältiger und weitere Forschung, Entwicklung und Erprobung, zum Beispiel von Elektro-Steamcrackern wichtig.
Sektorübergreifend ist die Bereitstellung von sehr großen Mengen grünen Stroms zu wettbewerbsfähigen Kosten das zentrale Element. Auch die zunehmend diskutierten Klimaschutzverträge (Carbon Contracts for Difference) stellen aus Sicht der Industrie ein hilfreiches Instrument dar. Klimaschutzverträge steigern die Planungssicherheit, da Investitionsrisiken und Kostenrisiken für Mehrkosten bei grünen Anlagen abgefedert werden. Diese Art der Verträge zwischen Staat und Unternehmen verteilen das Investitionsrisiko und bringen so einen Anschub für die Industrietransformation, auch wenn die klimafreundliche Produktion aktuell noch unwirtschaftlich ist.
Die industriellen Emissionen sollen laut Klimaschutzplan der Bundesregierung bis zum Jahr 2030 um weitere rund 20 Prozent sinken. Welche Strategien und Pläne verfolgt die deutsche Industrie in naher Zukunft und wie realistisch sind die gesetzten Ziele?
Mit den „Klimapfaden 2.0 – Ein Wirtschaftsprogramm für Klima und Zukunft“ hat die Industrie aufgezeigt, wie dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden könnte. Allerdings müssen dafür viele Räder ineinandergreifen. Neben Mehrinvestitionen im Umfang von mehr als 800 Milliarden Euro (kumuliert) bis 2030 braucht es viel mehr Geschwindigkeit bei der Verbesserung der Rahmenbedingungen für die politisch erwünschten Investitionen. Für jahrelange Planungs- und Genehmigungsverfahren lassen die Klimaziele keine Zeit mehr. Das gilt nicht nur für erneuerbare Energien, sondern auch für den Infrastrukturausbau von Strom-, Wasserstoff-, Fernwärme- und Schienennetzen sowie bei der Ladeinfrastruktur und neuen Industrieanlagen.
Als Voraussetzung für Investitionen brauchen Industrieunternehmen an ihrem Standort einen zuverlässigen Zugang zu klimafreundlichen Energien. Technisch müssen dafür die Voraussetzungen geschaffen werden, z. B. durch einen entsprechend dimensionierten Netzanschluss. Häufig stellen dann die höheren Betriebskosten von klimafreundlichen Technologien die größte Herausforderung dar. Daher müssen die Nutzungskosten CO2-armer Produktionsverfahren und Energieträger wettbewerbsfähig gemacht werden gegenüber den fossilen Energieträgern und bestehenden Prozessen.
Deutsche Industrieunternehmen haben ihre CO2-Emissionen zwischen 1990 und 2018 um rund 31 Prozent reduziert. Wie ist das gelungen?
Die Industrie hat früh erkannt, dass sich Investitionen in die Energieeffizienz schnell rentieren. Viele Prozesse in der Industrie sind nicht nur effizienter, sondern durch einen Fuel-Switch auch sauberer geworden. Statt Öl oder Kohle wird heute Erdgas oder bereits Strom für viele industrielle Wärmeprozesse verwendet. Die Einführung des EU-Emissionshandels im Jahr 2005 hat ebenfalls erheblichen Anteil an der erreichten Minderung.
Der nächste Schritt ist, wo immer möglich die Elektrifizierung weiter voranzutreiben. Für Prozesse, bei denen Strom nicht als Energieträger eingesetzt werden kann, sollen künftig Wasserstoff oder seine Derivate helfen, den Pfad zur Klimaneutralität einzuschlagen.
In welchen Ländern sehen Sie Potenzial, einen Dekarbonisierungsprozess mit deutschen Technologien oder Erkenntnissen zu unterstützen?
Es ist der Anspruch der deutschen Industrie, mit ihren Technologien der zentrale Wegbereiter für erfolgreichen Klimaschutz zu sein. Das Potenzial von Klimaschutztechnologien sollte daher nicht auf bestimmte Länder begrenzt werden. Das Ziel ist, dass Deutschland als technologischer Vorreiter mit dem Export von Klimaschutztechnologien einen größeren Beitrag zum globalen Klimaschutz leistet als alleinig durch die Dekarbonisierung hier vor Ort.
Denn die nationalen Anstrengungen werden nur dann einen wesentlichen Einfluss auf das Weltklima haben, wenn sie international Nachahmer und Partner finden. Wenn Deutschland zeigt, dass es möglich ist, als wettbewerbsfähige Industrienation den Pfad zur Klimaneutralität einzuschlagen, werden die Erkenntnisse und Technologien weltweit gefragt sein.
Welche Chancen erhoffen Sie sich durch Kooperationen mit dem Ausland?
Die deutsche Wirtschaft ist auf Kooperationen mit dem Ausland angewiesen. Auch in einer klimaneutralen Welt wird Deutschland große Mengen Energie in Form von Wasserstoff oder strombasierten Kraftstoffen importieren müssen, da die heimischen Potenziale nicht ausreichen. Hierbei gilt es, Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und Abhängigkeit von einzelnen Ländern als Rohstofflieferanten im Bereich Wasserstoff zu vermeiden.
Dafür treibt Deutschland den Hochlauf eines globalen Wasserstoffmarkts voran. Langfristig wird es einen globalen Markt für grünen Wasserstoff geben, in dem besonders Länder mit sehr niedrigen Gestehungskosten von erneuerbarem Strom Wasserstoff exportieren werden. Die deutsche Industrie ist schon heute dabei, Kooperationen mit dem Ausland im Bereich Wasserstoff zu schließen, um so Importe zu sichern.
Um den globalen Wasserstoffhochlauf noch schneller voranzutreiben, sind einheitliche Standards und Definitionen gefragt, damit nicht jedes Land individuelle Kriterien festlegt. Weitere technologische und regulatorische Fortschritte insbesondere beim Transport von Wasserstoff und Wasserstoffderivaten über längere Strecken sind ebenfalls erforderlich, um einen schnelleren Markthochlauf zu unterstützen.